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Rattus Norvergicus /Gerd Moersch artdoku 2009
Originalveröffentlichung in: Rattus norvegicus : Sammlung Dahlmann [Katalog zur Ausstellung 18.6. - 13.8.2006 Leopold-Hoesch-Museum Düren],
herausgegeben vom Leopold-Hoesch-Museum, Düren 2009, S. 50-51 (hier Text des Katalogbeitrags ohne Abbildungen) Gerd Stange

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4422/1/Moersch_rattus_norvergicus_Gerd_Stange_2009.pdfhttp://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4422/1/Moersch_rattus_norvergicus_Gerd_Stange_2009.pdf

Dr. Gerd Mörsch   Rattus norvegicus

Nun merket auf und gedenket, ihr Menschen, hier liegen große und kleine Gebeine, von Männern und von

Frauen, von Rittern und Knechten, jeder kann hier sein Ebenbild anschauen.‘

(Heidelberger Totentanz, 1485)

‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ könnte in Anlehnung an Sergio Leones Meisterwerk ein Untertitel der in Düren

gezeigten Arbeit Gerd Stanges ‚Tschernobyl (Totentanz)‘ (1986) aus der Sammlung Dahlmann sein. In der

Mitte der mit kräftigen, schwarzen Pinselstrichen geschwärzten Leinwand hat Stange eine kleine Drehorgel

appliziert. Oberhalb von ihr findet sich eine hellere Fläche im TV-Format. Dort tanzen an Penck erinnernde

Figuren. Die Orgel erinnert dabei an den Regler des Fernsehapparates, der die Katastrophe – den ersten

‚live‘ übertragenen, atomaren Totentanz– ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat. So wie der Reigen des

Totentanzes eine Kreisbewegung beschreibt, die keine Entwicklung kennt und daher Wiederkehr des ewig

Gleichen, der Bewegung als Stasis ist, kann auch die Orgel ihre Melodie lediglich wiederholen.

Das unschuldige Kinderinstrument wird bei Stange zum mahnenden Symbol der drohenden Kontinuität, der

(Selbst-)Vernichtung der Menschheit. Unterhalb der Orgel finden sich drei verschiedene Kreuze,

Schwellensymbole, die vor Gefahren warnen. Stange verwendet das Andreaskreuz als Menetekel des

Strahlenunfalls. Die Kreuze berühren einander und bilden zugleich die Verbindung zu einer weiteren, am

unteren Rand befindlichen dunklen Fläche mit hellen Flecken. Dem Titel geschuldet liest man sie intuitiv als

Totenschädel.

Die im selben Raum gezeigte schwarze Wolke von Thomas Zipp (ein Teil der Arbeit ‚Plant‘) zog etwa

fünfzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen wie eine biblische Plage über Europa. Ihre Quelle war der

Kernreaktorunfall in Tschernobyl, eine Stadt, die der (westlichen) Welt bis zum 26.4.1986 nahezu

unbekannt war. Der von Experten wie Medien sogenannte Super-GAU, die nicht mehr beherrschbare

atomare Katastrophe, ließ Stange nicht mehr los. So wie die Chronisten des späten Mittelalters den

Totentanz in Miniaturen und Holzschnitten festhielten, übertrug Stange seine düsteren Gedanken auf die

Leinwand und schuf neben dem bereits erwähnten Werk im selben Jahr ein weiteres, ebenfalls in Düren

gezeigtes Gemälde: ‚Tschernobyl (Mutation)‘.

Eine an Art brut erinnernde Figur spreizt ihre dürren Beine in die unteren Ecken der Leinwand, die einen

ungewissen, düsteren Raum zeigt. Sie kann als groteskes Zerrbild von Da Vincis idealtypischem Goldenen

Schnitt, der die kosmologisch-mathematische Schönheit des menschlichen Körpers maß und feierte,

gelesen werden. Stanges Figur dagegen hat mit ihren Händen auch ihre Handlungsfähigkeit verloren. Sie

hat sich durch die Konsequenzen ihrer Taten selbst zum Opfer deformiert. Mit ihren Füßen hat sie ihre

Standfestigkeit und auch die Fähigkeit zu Fortschritt eingebüßt; unkontrollierter Fortschritt führt zur Stasis?

Der Leib ist aufgetrieben und erinnert an Fernsehbilder verhungernder Kinder aus der früher sogenannten

‚Dritten Welt‘. Auch der Penis der Figur ist zu unwirklicher Größe hypertrophiert und baumelt impotent

zwischen den amorphen Beinen. Doch die wie mit weißer Kreide auf die Leinwand geschriebene Zahl 1986

ruft sofort das Bild vom radioaktiven Niederschlag hervor. Das stufenartige, abstrakte Element in der linken

‚Hand‘ erscheint nun wie ein Fragment der zerstörten Jakobsleiter. Statt niederfahrenden Engeln strömt

Gift vom Himmel herab auf die Erde.

Auch die Plastik ‚Bagdad, Simone, Proust und der Krieg‘ (1991) lässt Stange als zynischen Chronisten und

Mahner – wer erinnert sich noch an den ersten Golfkrieg und den daher abgesagten Karneval? –

erscheinen. Der Tatendrang des Künstlers – sein vita activa – zeigt sich besonders deutlich an seinen

zahlreichen ortspezifischen Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum.

Originalveröffentlichung in: Rattus norvegicus : Sammlung Dahlmann [Katalog zur Ausstellung 18.6. - 13.8.2006 Leopold-Hoesch-Museum Düren],

herausgegeben vom Leopold-Hoesch-Museum, Düren 2009, S. 50-51 (hier Text des Katalogbeitrags ohne Abbildungen)


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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 13. Dezember 2016 um 15:15 Uhr