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Stolpersteine kann man nicht an die Wand hängen

 

Stolpersteine kann man nicht an die Wand hängen  2014

Möge Gunter Demnig die Installation der Stolpersteine auf den Bürgersteigen in München fortsetzen können! In Hamburg pflegen Schulklassen und Politiker seine Steine. Stadtteilarchive dokumentieren, recherchieren die Daten, Namen und Lebensweg der "Gedenkzeichen-Mahnzeichen" in der Nachbarschaft und bringen ergänzend Broschüren heraus.

Anders als die Denkmalform der Stolpersteine sind Mahnmale die in Hamburg in großer Anzahl in den achtziger und neunziger Jahren entstanden.
Ein Mahnmal unterscheidet sich in der Form gegenüber der Stolpersteine. Mahnmale haben einen radikalen Anspruch im Ausdruck der Form, welche auf die Tragödie der Opfer verweisen. Die Stolpersteine sind eine neue Denkmalart sie sind wegen der Daten und der Namensgebung mit Lebensweg allerdings der Denkmalgegenwärtigkeit dem 19. Jahrhundert zuzuordnen., also rückführend durch die Art der Darstellung.

Die erst spätere Korrektur von Günter Demnig vom Mahnmal zum "Mahn- und Gedenkzeichen" dieser Kunstwissenschaftlichen Betrachtung/Deutung der Stolpersteine, gab dann auch die Akzeptanz der Kritiker. 

Ich selbst hatte 2002 meine Zweifel über diesen bequemen Zungenschlag von Behörden, die ohne Kosten und behördlichen Genehmigungen endlich eine Denkmalform gegenüber standen die den Behörden nichts kostet. Paten, Spender, Nachbarn, die Angehörigen der Opfer zahlen die Steine.

Der bequeme Behaviorismus kann ein Feind sein für engagierte anarchistische Künstler, Kritiker.
Dachte,  das durch Quantität, die Menge der Steine aus der Sprache der Kunstform - das Projekt aus dieser Sicht betrachtet, ihren Anspruch Formal nicht gerecht werden kann.
Ich irrte, weil ich aus einer Form, einer Umsetzung in Form geschaffenen Werke eines Mahnmals dachte. Auch wenn die Art der praktischen Umsetzung plakativ eher an einen Steinmetz erinnert- eben anders als bei Jochen Gerz seine 2146 Steine, dass Saarbrücker unsichtbare Mahnmal gegen Faschismus von 1990, ist die Arbeit von Gunter Demnig konsequent. Eben ein Stolperstein!

Gunter Demnig sein unermüdliches Schaffen von Stolpersteinen in deutschen Städten oder europäischen Städten ist zu einem mittlerweile größten dezentralisierten Mahnmal geworden. Sie sind Stein und Anstoss "Gedenkzeichen und Mahnzeichen"gegen den Massenmord der Nationalsozialisten von europäischen Juden, Zeugen Jehovas, Sintis, Homosexuellen, der politisch Verfolgten und Euthanasie Opfer.

Gerade München sollte was die Vergangenheit betrifft zum Thema Nationalsozialismus eindeutig Stellung beziehen und sich über das Engagement Günter Demnig`s freuen und sein Vorhaben dort nicht behindern, sondern fördern.

Hamburg setzt seid den achtziger Jahren ein gutes Beispiel mittlerweile mit 14 Mahnmalen, zuzüglich Gegendenkmäler und einem Nachdenkmal.

"Seit 1995 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit seinem Projekt STOLPERSTEINE durch kleine Gedenksteine europaweit an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor deren früheren Wohnorten - seit 2002 auch in Hamburg.
Anzahl der Stolpersteine in Hamburg: 4.635" weitere werden hinzu kommen. Stolpersteine Hamburg.de

Hamburg pflegt sichtbar seine Erinnerungskultur. München muss die Toleranz aufbringen und unbedingt die Erinnerungsarbeit von Gunter Demnig freigeben! Gerd Stange


Mahnmal mit 2146 Steine Jochen Gerz

2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus Saarbrücken
Jochen Gerz  1990

Im April 1990 wurden alle 66 jüdischen Gemeinden in Deutschland (und der damaligen DDR) eingeladen, die Listen ihrer Friedhöfe zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit acht Studenten entfernte Gerz in einer nächtlichen Aktion Pflastersteine des Saarbrücker Schlossplatzes, gravierte auf die Unterseite der Steine die Namen von jüdischen Friedhöfen, auf denen bis zur nationalsozialistischen Diktatur bestattet wurde, und setzte die Steine wieder ein. Die Zahl der von den jüdischen Gemeinden genannten Friedhöfe wuchs bis Herbst 1992 auf 2146. Sie gab dem Mahnmal den Namen: 2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus Saarbrücken. Diese Arbeit korrespondierte mit dem (mittlerweile) unsichtbaren Mahnmal von Hamburg-Harburg, das über die Jahre in den Boden versenkt wurde. Der Saarbrücker Schlossplatz heißt heute Platz des Unsichtbaren Mahnmals.


Jochen Gerz
»2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus«
Das 3-jährige Projekt ist eine Gemeinschaftsproduktion mit Kunststudenten der Hochschule für Bildende Kunst Saar in Saarbrücken. Für diese Intervention in den öffentlichen Raum ohne Auftrag wurde nach Forschungsarbeiten bei den jüdischen Gemeinden in Deutschland eine Liste aller vor dem Zweiten Weltkrieg und der Judenverfolgung durch das NS-Regmies existierenden jüdischen Friedhöfe angelegt. Die Namen wurden auf die Unterseite von Pflastersteinen der Allee vor dem Saarbrücker Schloß – dem Sitz des Landtags – eingraviert. Über Monate wurden die Originalsteine Stück für Stück bis zur endgültigen Menge von 2146 gravierten Steinen nachts ausgetauscht. Als die Aktion schließlich öffentlich bekannt wurde, führte der Diskussionsprozeß auch mit der Landesregierung über die »Sichtbarmachung« einer unsichtbaren Installation im öffentlichen Raum zur Entscheidung, den Platz umzubenennen in »Platz des unsichtbaren Mahnmals«. Jochen Gerz' Arbeit wird hier zu einem nicht nur zeitlichen Prozeß, sondern auch zu einem interaktiven Gruppenprozeß in der Formgebung.

Rudolf Firmling





"Verhörzelle- Mahnmal für die Geschiwster Scholl     Nichts ist unsichtbarer als ein Denkmal

1990


"Nichts ist unsichtbarer als ein Denkmal" (Robert Musil) 
Im Herbst 1988 entdeckte Gerd Stange bei einem Elbspaziergang am Strand von Övelgönne im Sand ein Stück Blech, das sich beim Graben als Wehrmachtshelm entpuppte. Ganz in der Nähe ragte ein Stück Treibholz heraus. Die beiden Fundstücke waren Auslöser einer Idee, an deren Verwirklichung 
der Künstler ein Jahr lang besessen und gegen immer neue Widerstände arbeitete. 
Das Sammeln war für Stange bis dahin, was die Fingerübungen für den Pianisten sind. Wohin immer sein Blick wanderte, suchte er, ordnete zu oder trennte, was nicht zueinander gehörte. So bewirkte am Övelgönner Strand, wo Wellenschlag und Gezeiten Ihre Spuren hinterlassen und der Blechhelm in der Nähe eines Bunkers bei Stange so etwas wie eine Bildstörung. Während Helm und Treibholz in seinem Atelierraum zu immer neuen Kombinationen auf einem Sockel arrangiert wurden und der Künstler auf einem Stuhl davor sitzend die Möglichkeiten prüfte, gewann für ihn der Helm Lebendig- 
keit, wurde zum Ankläger oder Folterknecht, während er selbst die Rolle des Opfers übernahm. 
Die Suche in der Vergangenheit führte Gerd Stange in das Oberlandesgericht, wo er mit Hilfe des Pförtners den ältesten Stuhl des Hauses fand. Man war bereit -im Tausch gegen ein Foto der Installation "Die Arche Noah mit zwei Schafen" von Gerd Stange -den Stuhl herauszugeben. In den folgen den Sitzungen im Atelier verschwand der Helm vom Sockel, rückte dem Künstler in der Opferrolle 
immer näher, bis er unter dem Stuhl lag. Die fiktive Geschichte gewann erschreckende Realität. Und für Gerd Stange stand die Gestaltung seiner Installation fest. Zunächst dachte er an einen Ort im Oberlandesgericht, aber der Plan scheiterte am Widerstand der Justizbehörde. So kam Stange auf 
das für ihn Naheliegende: die Geschwister-Scholl-Straße. Im zähen Ringen konnte er die Kulturbehörde Hamburg zur Unterstützung des Projektes gewinnen, dazu noch die Weiße Rose Stiftung, die SPD und die Gal, Mittel wurden zur Verfügung gestellt, um das Material zu kaufen. Alles andere - hunderte von Stunden, um das Erdreich auszuschachten, eine Stromleitung zu verlegen, ein Gitterrost und eine Stahlkammer zu verschweißen (nach den Körpermaßen des Künstlers: Augenhöhe 180 cm, Mundhöhe 170 cm, Stuhlbreite 54 cm), eine Panzerglasplatte zu bearbeiten und so weiter -waren das unbezahlte Werk von Gerd Stange, seinen Freunden und hilfsbereiten Handwerkern. 
Am 1. Oktober 1990, zwei Tage nach der Vereinigung der alten und neuen Bundesländer, war die Verhörzelle in den Gehweg eingegraben, hinter einer Parkbank zwischen Sträuchern. Für manche ein Ärgernis und Anlass zu rechtsradikalen Äußerungen, für viele Anwohner jedoch eine neue und ein- 
drucksvolle Art ein Denkmal für die Opfer des Faschismus zu gestalten: statt einer heroischen Sockelskulptur, etwas, wonach man sich bücken muss. Was sich den Blick nicht aufdrängt, sondern wonach man sucht oder worauf man zufaellig stoeßt. Und das auf diese stille Weise Eindruck hinterlaesst, besonders, wenn es nachts im stillen Schein der Gluehlampe auftaucht.
Thomas Sello (Leiter des museumspaedagogischen Dienstes an der Hamburger Kunsthalle


Nachdenkmal "Schützengraben-Soldatengrab"  1999 Hamburg Großborstel



Periskop: Blick aus dem Nachdenkmal/Gegendenkmal zum Adlerkubus von
Richard Kuöhl  1922 - 2007 "Es geht mir um die Verschiebung von Geschichte-
diesmal aus der Sicht des Soldaten, der Opferrolle - und gegen Heldenverehrung und Faschismus.

Nachdenkmal "Schützengraben-Soldatengrab" 1998

Geleit von Jörgen Bracker ehemals Leiter des Museum für Hamburgische Geschichte ( aus der Broschüre weitergraben... von Gerd Stange)
Dölling und Galitz Verlag ISBN 3-930802-55-4
Wenn man nach dem überzeugenden Denkmal für die Toten des ersten Weltkrieges fragt, wird man zweifellos an das in Güstrow denken. Ernst Barlach hat es geschaffen und in ihm als lebensspendende und lebensschützende Mutter Käthe Kollwitz porträtiert. Als Sohn Peter 1914 in den Krieg gezogen war, hatte sie die Heroisierung des sogenannten Opferganges begeistert akzeptiert. " So sind sie nun auch wirklich eingesegnet zu ihrem Opfer", hatte sie ihrem Tagebuch anvertraut. Erst als ihr das Kind genommen war, erfaßte sie ganz die totale Unsinnigkeit und Hohlheit des Trostes für den nicht wiedergutzumachenden und durch das sogenannte Opfer nicht gerechtfertigten Massentod der Jungen. Wie Blasphemie mutete dagegen  die beinahe in jedem Dorf befolgte kaiserliche Staatspropaganda  " Schafft Helden Haine!"an. Durch Denkmäler dieser Art sollte der antike Mythos von der Süße und Lieblichkeit des Sterbens für das Vaterland sogleich die nächste Generation für den Opfertod im Krieg bereitmachen.
Gerd Stange versteht die Geschichtlichkeit bestehender Denkmäler und greift sie nicht an. Er empfindet aber die Notwendigkeit eines Kommentars in unmittelbarer Nachbarschaft, indem er versucht, die schreckliche Wirklichkeit des Todes im Schützengraben der pathetischen Heroisierung gegenüberzustellen. Er plädiert im sinne der Toten, die ja in Wahrheit durch Vorgaukelung eines süßen Opfertodes um ihr Leben betrogen wurden. In seinem Kunstwerken wird Gerd Stange zum Anwalt der durch staatliche Opppression  ihres Lebens, ihrer Freiheit, ihrer geistigen und körperlichen Unversehrtheit beraubten  Menschen. Angesichts der unsinnigsten und grausigsten Kriege, der Verführung junger Menschen zu unmenschlichen Taten durch vorgeblich religöse und andere Ideale, erkennt Stange einen Auftrag für sich, gegen Vorurteile und bequemen Behaviorismus anzukämpfen und das Vergangenheitsverständnis durch Einsichten in die Wirklichkeit zu vertreiben.

1999 - 2007 "Ein Nachdenkmal gegen Heldenverehrung, aus der Sicht der Opferperspektive- zum Kriegerdenkmal/ Adlerkubus von Richard Kuöhl 1922 - 2007





Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 23. April 2014 um 10:36 Uhr